Gestern rief mich eine Freundin aus Köln an. Wir sprachen kurz über dies und das, eigentlich ein ganz normales Gespräch. Eigentlich. Denn dieses kurze Gespräch verdeutlichte mir, dass es längst überfällig ist diese Zeilen zu schreiben.

Trotz vieler Erzählungen, unzähliger Facebook-Posts und ausgiebiger Nutzung anderer Kanäle der modernen Kommunkation scheint es für viele meiner Freunde immer noch ein großes Geheimnis zu sein, wie und wo ich gerade ein neues Kapitel meines Lebens aufbaue. Dafür habe ich natürlich auch Verständnis, denn oft erzählt man eher vom coolen Campingtrip in die Wildnis oder der Baby-Nashornfütterung auf der Farm, als vom Alltag. Das muss jetzt natürlich dringend nachgeholt werden! Damit ihr euch ein Bild machen könnt von dieser Seite von Afrika, die neben der romantisierten Savanne in den öffentlich-rechtlichen Tiersendungen und den Schreckensmeldungen in eurem Unicef-Spendenbrief auch existiert. Außerdem bewahrt es mich vor den Kopfschmerzen, wenn ich gefragt werde, ob ich heute morgen schon ein Zebra gestreichelt habe und wie weit ich eigentlich laufen muss, um fließend Wasser oder – unvorstellbar – Internet zu haben.

Leben in Windhoek

Wir wohnen in der Hauptstadt Namibias. Die Einwohnerzahl lässt sich ungefähr mit der von Bonn, Bielefeld oder Bochum vergleichen. Nicht atemberaubend groß, aber groß genug. Die Struktur der Stadt ist dennoch eine grundlegend andere. Alles ist sehr weitläufig angelegt und es gibt viel Platz. Daher findet man auch mitten in der Stadt Häuser und Apartments mit Gärten und auch unser Townhouse im Stadtteil „Kleine Kuppe“ bietet ein Format von dem man in Deutschland in der City nur träumen kann. Bis zum Stadtkern sind es ca. 4-5 km. Die nächste Einkaufsmöglichkeit (Grove Mall) und das Fitnessstudio kann man sogar zu Fuß erreichen – macht aber selten jemand. Wobei das nichts mit der Sicherheit zu tun hat, sondern eher mit der Hitze und den nicht so richtig vorhandenen Bürgersteigen. Windhoek würde ich als eine Mischung aus Großstadt und Dorf bezeichnen. Man kann viel unternehmen und erleben, aber manchmal fühlt man sich auch wie in einer (viel) schöneren Version des niedersächsischen Walsrode. Das macht Windhoek aber für mich aus!

Unser Haus

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Zum Glück hat mein Verlobter einen ausgezeichneten Geschmack bei der Wahl des Häuschens getroffen, bevor ich in sein Leben trat. Bei der Einrichtung musste ich allerdings hier und da etwas nachhelfen um den Hotelcharme, den seine Bleibe bei meinem ersten Besuch versprühte, schnellstmöglich aufzulockern. Für die gleiche Miete habe ich in Köln-Nippes mit meinem Mitbewohner eine ca. 75qm große 3-Zimmer-Wohnung im 4. Stock bewohnt. Ohne Balkon. Ohne Garage oder Stellplatz, aber auch ohne Auto, denn darauf kann man in Deutschland im Gegensatz zu Namibia gut und gerne in der Stadt verzichten. Hier bewohnen wir ca. 120 qm auf 2 Etagen mit einer schönen Terrasse, einem Garten und einer Garage. Das Haus steht nicht komplett frei, sondern befindet sich in einem Komplex mit Sicherheitstor und Security Guards. Klingt für viele Deutsche nach Freiheitsberaubung, aber für mich ist es jetzt eher die Freiheit nachts mit offener Balkontür zu schlafen und die Haustür tagsüber auch einfach mal nicht abzuschließen, wenn ich gerade etwas im Garten mache. Gut, der Elektrozaun auf der Mauer fällt dann doch wieder in die oben genannte Kategorie, aber man kann sich auch an Kleinigkeiten aufhalten…

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Sicher ist sicher

Insgesamt zählt Windhoek zu den sichersten Orten auf dem afrikanischen Kontinent. (Übrigens auch zu den saubersten, was vor allem viele Deutsche immer wieder gerne betonen.) Dennoch sind Alarmanlagen alltäglich und obwohl ich schon mit 5 Jahren Kaffee kochen und den Videorecorder programmieren konnte, musste ich die Bedienung erst lernen und auch die Angst davor verlieren z.B. schnell genug den Code einzugeben. Auch die Häuser sind so konstruiert, dass es oft nur kleine, vergitterte oder keine Fenster in die Richtungen gibt, in die keine Mauer und kein Elektrozaun vor Einbrechern schützen. Das wurde mir tatsächlich in meinen Anfängen hier einmal zum Verhängnis, als ich mich vor lauter Sicherheit selbst im Haus eingesperrt hatte und nicht mal durch ein Fenster entkommen konnte – jedenfalls nicht, ohne irgendetwas kaputt zu machen. Im Notfall wäre ich bestimmt rausgekommen, hätte aber auch ein neues Glasfenster für die Eingangstür spendieren müssen.

Der Spaßfaktor

Trotz diesen Sicherheitsmaßnahmen, die bei vielen Deutschen – einschließlich mir am Anfang – Beklemmungen hervorrufen, ist Windhoek eine tolle Stadt! Ich fühle mich absolut wohl. Die Independence-Avenue ist tagsüber überfüllt mit geschäftigen Menschen und ich kann im Sonnenschein meinen Kaffee trinken und Besorgungen erledigen. Alternativ stehen die vielen klimatisierten Shopping-Malls zur Verfügung. Abends geht es in eine Auswahl tolle Restaurants, ins Theater, Kino, Bars oder Fitnessstudio. Der Supermarkt ist um die Ecke. Heute am späten Nachmittag findet der Windhoek City Market statt, den ich schon länger auf meiner Unternehmungs-Liste habe und gleich bin ich zum Brunch mit einer Freundin und ehemaligen Kollegin von Hitradio Namibia verabredet. Alles in allem ist der Spaßfaktor erheblich höher als er in meinem geliebten norddeutschen Heimatlandkreis vermutlich jemals sein wird. Mit Köln oder Berlin kann Windhoek zwar nicht mithalten, aber sind wir doch mal ehrlich: Wie viele Veranstaltungen kann man an einem Abend überhaupt gleichzeitig besuchen? Unglücklicher wird man deswegen jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Fragt euch mal wie oft ihr keine dieser Angebote wahrgenommen und eure Wohnung in Deutschland nicht verlassen habt, weil das Wetter einfach zu nass oder zu kalt war…

Bis bald ihr lieben, ich bin jetzt aufm Sonnendeck vom „Vintage“ und werde dort frühstücken – im März.

Eure Jana Marie

p.s. Checkt mal die Podcast-Seite. Dort habe ich meine kurzen Glossen verlinkt. Einige passen auch direkt zum Artikel und sind außerdem oben im Text verlinkt. Viel Spaß beim Reinhören!

 

 

 

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